Samstag, 15. Mai 2010

Summer in the City

Es ist Freitag, ich werde für ein Meeting einberufen, für welches ich, im Vergleich zu einem Großteil der anderen Teilnehmer, einigermaßen pünktlich erscheine. Die hohle Zeit zwischen offiziellem Beginn der Veranstaltung und dem Zeitpunkt des Erscheinens der verbleibenden Partizipierenden versucht der für das Meeting verantwortliche Manager mit ein Bisschen Smalltalk zu überbrücken. Er fragt mich in offener unvollständiger Runde, "what my plans for the weekend are". Ich antworte "don't know, will see once the weekend is there". Mein Gesprächspartner ist überrascht, das Gespräch nach nur kurzer Zeit bereits auf seinem Höhepunkt. "I really thought you Europeans make your weekend plans very early, like on Monday mornings and organize everything". "Well Sir, I than guess that in this concern I became a little indianized".

Es ist mittlerweile Hochsommer, das Thermometer steigt in Regionen, die keine meiner Körperzellen je lange gesehen hat. Nicht nur der Rahmen der Möglichkeiten, sondern auch der Drang zu körperlicher oder gar geistiger Arbeit sinken. Die Anzahl der erzählbaren Geschichten, die tagaus tagein passieren, halten sich löblicherweise konstant, ich muss nur noch jemanden finden, der sie alle für mich aufschreibt.

Samstag, 17. April 2010

Bollywood

Ich habe mir seit Beginn meines Indienaufenthaltes mittlerweile schon den ein oder anderen Bollywood Film angesehen, selbstverständlich nicht zuletzt vor dem Hintergrund, mehr über den Schwarm meiner Jugend, Shahrukh Khan, zu erfahren. Auf dem Weg durch filmische Ruinen begegne ich vor allem dessen frühen Werken. Shahrukh war in seinen early days, noch bevor er zum konstant-warmherzigen Liebhaber schöner Mit-Hauptrollen wurde, mehr böse als gut. So spielte er beispielsweise 1993 im Film "Baazigar" den kaltblütigen Rächer seiner Familie, der auch nicht davor zurückschreckt, unschuldige Frauen umzubringen. Ich bin trotz allem überrascht von der Sehenswürdigkeit des Films, bin gleichermaßen angetan und überwältigt. Es ist geradezu erstaunlich, wie mit unnahbar wenig Liebe zum Detail derart viel Emotion geschaffen wird. Auch die (für Bollywood gänzlich unverzichtbaren) Songs wollen einfach nicht mehr aus dem Kopf. Hier eine kleine Kostprobe meines aktuellen Lieblingsfilmes:



Stolz, der hiesigen Kultur somit wieder ein Stück näher gekommen zu sein, verkünde ich unter meinen Kollegen einige Zitate des Films, selbstverständlich in Hindi. बाज़ीगर में बाज़ीगर दीवालों का में दिलबर ("Magician, a magician I am. I am the most charming of all lovers!"). Alle sind sowohl ob meines Interesses als auch meiner neuerworbenen Sprachfähigkeiten - wenn auch weniger ob der konkreten Aussprache - begeistert. Meine Kollegin rät, auf den Spuren Shahrukh Khans auf keinen Fall den Film "Dilwale Dulhania Le Jayenge" (aus vereinfachenden Gründen fortan abgekürzt als DDLJ) zu missen.

Ich besorge mir also diesen Film, DDLJ, scheitere aber zunächst an dem Umstand, nicht genügend Kondition für einen Marathon wie diesen mitzubringen. Ich schlafe schon nach kurzer Zeit ein und bin weit entfernt vom Ende, das nach dem Anfang knappe vier Stunden auf sich warten lässt. Am nächsten Tag ziehe ich Rat von einem weiteren Kollegen hinzu und frage diesen, ob er denn in seinem Leben schon vier Stunden für diesen Film gefunden habe.

"Jaja, mein Mitbewohner hat schon mich schon 3-4 Mal in den Film geschleppt." Oh, es geht also nicht, wie ich ursprünglich angenommen hatte, um Zeitdimensionen von vier Stunden, nein, es kommt auch noch ein Multiplikatives hinzu. In Mumbai gibt es, so lasse ich mir weiter sagen, ein Kino, das DDLJ seit Filmstart ununterbrochen ausstrahlt. Das ist recht eindrücklich, wenn man bedenkt, dass die Erstaufführung mittlerweile 15 Jahre zurück liegt. Noch verblüffender dürfte aber wohl die Tatsache sein, dass DDLJ überhaupt der einzige Film ist, der in diesem Kino gezeigt wird.

Sonntag, 11. April 2010

Life is...

"Life is like Heaven when you have a German Car, Chinese Food, an American Salary and an Indian Wife.

Life is like Hell when you have a Chinese Car, German Food, an American Wife and an Indian Salary."

Montag, 5. April 2010

Taj


Diese drei Buchstaben sollten vermutlich ausreichen, um DAS Wahrzeichen Indiens schlechthin zu beschreiben. Das Taj Mahal ist Weltkulturerbe, seit neuestem sogar offizielles Weltwunder und Touristenmagnet Nummer 1. Von den täglich circa 10.000 Besuchern sind aber lange nicht alles Überseetouristen, insbesondere jungverheiratete indische Pärchen bereisen das Mausoleum und erhoffen sich dadurch lebenslanges Lieben. Der generell penetrant wirkende, omnipräsente Fußgeruch verleiht der Festigung der Zweisamkeit ganz bestimmt spirituellen Nachdruck, im und um das Taj wird nämlich ausschließlich barfuß gelaufen.

Der Weg zum "Kronen-Palast" gestaltet sich komplizierter als gedacht. Sämtliches Anreisevehikel darf sich diesem nur bis in die Ferne nähern, lokal ist man auf öffentliche (und offene) Verkehrsmittel angewiesen. Bereits hier macht sich bemerkbar, dass der ein oder andere die Gunst des Ortes nutzen will, um die Schaulustigen in sein Geschäft zu verwickeln.


Hat man das Kamel geparkt, darf man sich weiterführend animalisch mit der ellenlangen Schlange beschäftigen. Erzähltechnisch ist diese wohl ebenso öde wie das lange Anstehen in der prallen Sonne. Nach Überwältigen des Reptils und daraufhin der zweiten Hürde des verhältnismäßig (wahnsinnig) hohen Eintrittspreises, folgt auch schon gleich die nächste: eine mit allen Möglichkeiten der Neuzeit ausgestattete Sicherheitskontrolle.

Meine M hat aus Vorsichtsgründen, um auf Nummer sicher zu gehen, ein Pfefferspray aus Deutschland importiert, sodass, im Fall der Fälle, eine Selbstverteidigung nicht ausgeschlossen werden kann. Um auf Nummer vernünftig zu gehen, bitte ich meine M, das Pfefferspray doch lieber mir anzuvertrauen, da, im Fall der Fälle, womöglich unter Nervosität, das Pfefferspray auch mal schnell ins eigene Auge gesprüht werden kann. Dieser Umstand soll mir bei der Sicherheitskontrolle vor dem Taj zum Verhängnis werden.

Der von Flughäfen bekannte, zu passierende Türrahmen, der auf metallische Gegenstände anspringt, springt an. Meine Knie werden weicher, ich bin mir meines bevorstehenden Übels bewusst. Ich gehe, vom allgemeinen Menschenfluss getrieben, Schritt für Schritt auf den Security-Beamten zu, der mich aufgrund des positiven Metalltests bestimmt genauer ins Visier zu nehmen gedenkt. Ich setze ein treudoofes Touristenlächeln auf, um von meiner Angst vor indischem Gefängnis abzulenken. Es nutzt nichts. Den Beamten, dessen Profession es ist, tagtäglich 10.000 Touristen auseinanderzunehmen und auf den Zahn zu fühlen, lässt nichts kalt. Er zieht das Pfefferspray aus meiner Unterhose und verlangt eine Erklärung. Gott sei Dank habe ich eine passende parat.

Ich huste, möglichst auf Lunge, halte das Pfefferspray vor meinen Mund und keuche "Asthma, Asthma". Der Beamte schaltet vom einen Moment auf den anderen um, von professionell kalt auf vertrauend herzlich, und entschuldigt sich vielmals für seinen "falschen" Verdacht. (Anmerkung des Erzählers: Ich bin mir sicher, Pfefferspray kann tatsächlich Asthma verursachen.)

Ein Touristenführer, der uns Touristen dazu überreden kann, von ihm geführt zu werden, offenbart neue Hintergründe über das Taj, die mich erneut in Angst und Schrecken versetzen. Der Legende nach wurde der Architekt und Erbauer des Weltwunders, nach Fertigstellung desselbigen, vom tonangebenden Großmogul zu einer öffentlichen Ehrung einberufen. Während dieser wurde ihm aber nicht etwa, wie offensichtlich erwartet, ein Orden oder eine Tafel Schokolade überreicht, nein, diese wurde genutzt, um ihm beide Hände abzuhacken. Sein Werk sollte auf immer einzigartig und er selbst als Krüppel eingesperrt bleiben.

Wenn ich nun in Indien möglicherweise eine weltwunderliche Software entwickle, werden mir dann etwa alle zehn Finger abgehackt???

Welcome Back

Entgegen den Erwartungen vieler treuer Wegbegleiter sind wir, meine M und ich, tatsächlich wieder in einem (Anmerkung des Erzählers: um genauer zu sein, in zwei) Stück von unserem unvergesslichen Abenteuer heimgekehrt. Ich habe mich - um ganz ehrlich zu sein - lange mit dem Gedanken an lyrischen Freitod auseinandergesetzt und wollte gar Tatsachen heucheln wie "ich habe mich jetzt [selbst] gefunden und brauche keine Ausflüge in die Fantasiewelt mehr", doch nach nunmehr über 1000 Zusendungen von begeisterten Lesern habe ich wieder Halt im Leben der Geschichten gefunden.

Während unserer Reise (und der damit verbundenen lyrischen Abstinenz) haben wir nicht nur den Taj Mahal besichtigt, sondern auch eine PUMA-Turnschuhproduktionsstätte. Wir haben uns von einem Astrologen unsere Zukunft offenbaren lassen, in einem antiken Briefmarkenalbum unterschrieben, Waffen geschmuggelt, die Himalayan-Queen bestiegen, von kleinen Kindern Hindi gelernt und konnten für umgerechnet ca. 30 Minuten Ruhm und Ehre als Popstars genießen.

Um nun nicht noch mehr Zeit mit bloßen Andeutungen zu verschwenden, setze ich mich gleich an Ort und Stelle auf meinen Allerwertesten und fange an zu schreiben, um anschließend gemeinsam mit der Lehrerin und den Kids über meine bunten Geschichten lachen zu können.

Montag, 1. März 2010

Intermission

Kaum ist meine M angekommen, geht auch schon der Ärger los. Meine Vermieterin schmeißt uns eiskalt aus der Wohnung, eine M werde in diesem Haus nicht geduldet. Sie muss verschwinden. Nachdem wir mittlerweile zwei unvergessliche Nächte nahe K.R. Puram auf der Straße zwischen Autos und Hunden verbracht haben, sehen wir uns gezwungen, unser Leben auf der Flucht zu leben. Hier ist die Fluchtroute:


Anmerkung des Erzählers: Ich fürchte, in den nächsten zwei Wochen wird es keine neuen Posts geben - dafür danach aber ganz bestimmt umso mehr zu erzählen.

Sonntag, 28. Februar 2010

Tamarind

Ich schaffe es endlich, nach einigen Zwischenfällen, das Restaurant bei mir um die Ecke, ohne Zwischenfälle, zu erreichen und dort zu dinieren. Begleitet werde ich bei dieser Gelegenheit von meinem Mitbewohner, der mir eine Hoffnung bezüglich Übersetzung und Interpretation der Speisekarte darstellt. Ein Mann am Eingang, der ein wenig aussieht wie ein Ritter, verneigt sich höflich vor uns, zahlreiches Personal beteiligt sich beim Aufhalten sämtlicher Türen, das erste Stockwerk erreichen wir in Anspruchnahme eines Aufzuges.

Die Atmosphäre im Restaurant ist überzeugend romantisch: der Blick passiert beim Flug durch den Raum Pärchen, für die es ein Besonderes zu sein scheint hier zu speisen (dies fällt in erster Linie durch die pompöse Kleidung auf), Familien, die Familienfeste feiern sowie meinen Mitbewohner, der mir in kurzen Hosen, Adidas-Shirt und Badelatschen gegenüber sitzt. Im Hintergrund läuft übrigens abwechselnd Modern Talking und Celine Dion.

Das Essen ist toll, ich entscheide mich trotz riesiger Auswahl für "Coli Flower", ich kann aber weder die Vokabel noch später das Essen richtig deuten. Mein Mitbewohner erklärt vor ausgeführter Bestellung anschaulich, Coli Flower sei ein Gemüse, das so aussähe wie "Brain". Wie sich letztlich herausstellt, handelt es sich bei meinem Tellerinhalt um nichts weiter als Blumenkohl, gekocht in Joghurt-Soße, angereichert mit Tomate und Cashew-Nuss - geradezu harmlos verglichen mit der Vorstellung von Kopfinnerem.

Man hat kaum die Gelegenheit den Teller vor sich leer zu sehen, immer und immer wieder kommt mindestens einer der Kellner und schöpft von allem nach. So viel Entgegenkommen ist fast schon unangenehm. Obwohl sicherlich beste Intentionen zugrunde liegen, nimmt es dem Essen irgendwie völlig die Ruhe weg. Nachdem wir so voll sind, dass wir jegliche Wiederauffüllaktionen dankend ablehnen müssen, wird mir gleich ein Feedback-Formular überreicht.

Ich kreuze an: Essen - exzellent, Atmosphäre - exzellent, Personal - exzellent. Es folgen ins Persönliche abschweifende Fragen, beginnend mit "Birthday". Ich bin mit dieser Frage sehr vertraut, bin es quasi gewöhnt, diese von kindauf zu beantworten und notiere ohne große Überlegungen meinen Geburtstag. Die nächste Frage gestaltet sich schon etwas anspruchsvoller: "Birthday of your loved one". Nach viel geistiger Anstrengung komme ich darauf, ich notiere den Geburtstag meiner M. Danach kommt das Offensichtliche, hätte ich doch auch nur einmal um die Ecke gedacht: "Anniversary of your marriage". Ich sehe mich in eine Falle getappt, es ist quasi unmöglich, auf die vorherige Frage eine Antwort parat zu haben, diese aber nun gänzlich zu ignorieren.

Ich bringe insbesondere meine kreative Hirnhälfte (rechte oder linke, who cares) auf Hochtouren und entsinne mich der Tatsache, dass meine M mich Ende Februar besuchen kommt. Ich möchte sie überraschen, indem wir am Tag ihrer Ankunft unseren Hochzeitstag bei Tamarind feiern.

Freitag, 26. Februar 2010

Black Forest Reprise

Da in Indien die Ursprünge des Black Forest Cake wohl nicht von Bedeutung sind, sehe ich in einem Pastry Shop eine grundlegende Neuinterpretation des Gebäckstückes. Diese ist in ihrer Sache geradezu naheliegend: ein White Forest Cake.

Donnerstag, 25. Februar 2010

Getting Lost

Ich bin scheinbar nicht darum herumgekommen, mich nach einem Ausflug zusammen mit Kollegen, welche am anderen Ende der Stadt wohnen, von diesen zum Abschied in einen von der Regierung betriebenen Busse setzen zu lassen. Es scheint ihr Gewissen zu beruhigen, mich bei Dunkelheit aus ihrem Einflussbereich zu befördern und mich damit zwangsläufig auf meinem Weg des Nachhausekommens voll und ganz meinem Schicksal auszuliefern. Ein Kollege ruft in einen vorbeifahrenden Bus die grobe Richtung meines Fahrziels, der Fahrer gibt durch signifikante Bewegung seines Kopfes, er wippt wie gewohnt von Schulter zu Schulter, zu verstehen, dass seine Linie in unserer (insbesondere meiner) Angelegenheit ein Volltreffer sei. In mir hegen sich ernsthafte Zweifel bezüglich der Wahrscheinlichkeit, an einem beliebigen Ort genau dem richtigen von den abertausenden Bussen zu begegnen, der einen auf direktem Wege nach Hause transportieren will - und das sogar beim allerersten Versuch. Da ich leider keinem Rikschafahrer von dort aus auch nur annäherungsweise erklären könnte, wo genau ich wohne, bleibt wir wohl nichts anderes, als mich auf das Abenteuer einzulassen.

Der Bus fährt, unglaublich aber wahr, tatsächlich erstaunlich gut, der Fahrer scheint von seinem Hand- und Fußwerk zu verstehen. Ich sehe bei dem Blick aus dem Fenster immer wieder Bilder, die mir bekannt vorkommen und die sich richtig anfühlen. Nach über einer Stunde Fahrzeit fühle ich mich auf die Probe gestellt: Der Bus hält an einer Ampel, nach der die Verkehrsführung zwangsläufig in eine Rechts- oder aber in eine Linkskurve übergeht. Ich sehe nach links, weiß genau, dass dies meine Wahl wäre, weiß genau, dass es ab hier noch ganz genau zwei Kilometer sind. Hier ist nämlich der Punkt, ab dem ich messe, ob der Meter einer mich in der Gegend herumfahrenden Rikscha auch tatsächlich bei zwei Kilometern aufhört zu zählen. Ja, einer hat es sich sogar einst herausgenommen, bis zur knappen Hälfte der Strecke schon sechs Kilometer verfahren haben zu wollen.

Nachdem diese Busfahrt mich bisher von allen schlechten Gedanken über das Busfahren abgebracht und bis in höchste Höhen von Zuversicht und Vertrauen in diese Technologie versetzt hat, geschieht das Unabdingbare. Ich steige nicht aus, Ampel grün, Lenkrad nach rechts eingeschlagen, hupen und Vollgas. Die Räder des Busses kommen erst nach gefühlten fünf Kilometern wieder zum Stehen. Ich bin der erste der aussteigt. Unglücklicherweise wurde meine nicht mit eingeplante Bonus-Strecke nicht in einem geraden Stück abgefahren, sondern auf kleineren Teilstrecken, die andere Teilstrecken über Links- und Rechtsabbiegen verbinden. Da der Bus meinen Glauben an mich selbst und den Endorphingehalt meines Blutes nach wie vor konstant halten konnte, beschließe ich, ab dort zurück zu laufen. Die grobe Richtung denke ich zu kennen; die zweite Fehleinschätzung für diesen Abend.

Ich gehe in ähnlich seltsamem Zick-Zack wie der Bus, das gibt mir das Gefühl, alles richtig zu machen. Ich gehe dabei zudem hin und wieder im Kreis, da auch dieses dazu zu gehören scheint. Nach ca. einer Stunde bin ich überfroh, zunächst die 4th Main Road und kurz darauf die 4th A Main Road zu finden, in der ich glaube zu wohnen. Ich folge ihr zuerst bis ans eine Ende, dann ans andere und stelle fest, hier definitiv noch nie gewesen zu sein. Meine Hausnummer scheint generell in einer anderen Liga zu spielen. Gemein ist dieser 4th A Main Road mit der meinigen aber die Tatsache, dass es sich bei ihr um eine unauffällige Seitenstraße handelt, die nachts recht düster und verlassen erscheint. Es kommt mir also regelrecht entgegen, dass mir in meiner Situation grundlegender Hilflosigkeit drei Inder entgegenkommen. Ich kläre sie höflich über mein Schicksal auf und frage, ob sie mir weiterhelfen können. "Klar", schwafeln sie in kaum verständlichen Anglizismen. Untereinander unterhalten sie sich, auch in meiner Anwesenheit, in Kannada, der hiesigen Lokalsprache.

Meine Wegsgenossen zeigen sich sogar derart hilfsbereit, dass sie mich bis vor meine Tür begleiten wollen und es daher in Kauf nehmen, in genau die Richtung zurückzulaufen, aus der sie eigentlich gerade gekommen sind. Wir gehen gemeinsam ein gutes Stück, ich hatte dabei noch nicht die Gelegenheit, mich irgendwie orientieren zu können. Wir sind auf jeden Fall abseits jeglicher 4. Straßen. Wir stehen plötzlich vor einem kafkaeskschen Haus, dessen Tür sich durch die Hand einer meiner neuen Freunde öffnet. Sie bitten mich herein, man könne mir dort besser helfen. Erst relativ spät realisiere ich, dass das Ziel dieser Aktion wohl von vornherein nicht mein Haus, sondern dieses Haus gewesen sein muss. Wer weiß, vielleicht wollen sie mir nur Tee kochen und mich ihrer Familie vorstellen, das Risiko, eine dritte Fehleinschätzung für diesen Abend einzugehen, möchte ich aber lieber nicht in Kauf nehmen.

Montag, 22. Februar 2010

Home-Cooking

Ich habe zum ersten Mal vor lauter rein indischer Küche Entzugserscheinungen von Pasta, da mein Körper sonst eine Nudelnettoaufnahme von ca. einem halben Kilo pro Woche gewöhnt ist. Ich beschließe kurzerhand, meinen Mitbewohnern ein Stück meiner Kultur näher zu bringen wollen, indem ich mein niederes Bedürfnis als Wohltätigkeit tarne. Im Supermarkt um die Ecke, von deren Existenz ich mittlerweile schon mehrfach profitiert habe, finde ich Barilla-Penne. Wow, damit hätte ich nicht gerechnet. Ich frage mich, wo diese Barilla-Nudeln eigentlich produziert werden, die Texte auf der Packung sich doch primär deutsch. Außerdem schießt mir bei Barilla immer Steffi Graf in den Sinn, wie sie in einem TV-Werbespot der früher 1990er ihren unwohlgeformten Zinken in einen Topf kochender Nudeln streckt und danach das Nudelwasser mit ihrem Tennisschläger abgießt. Steffi Graf ist wohl eindeutig deutscher Abstammung, allerdings wage ich das bei ihrem Ehemann Andre Agassi zu bezweifeln. Mit diesem schien sie zumindest in der Vergangenheit nicht nur Händchen zu halten und Tennis zu spielen, nein, sie sollen wohl auch privat zusammen Barilla-Nudeln gekocht haben (wie ein späterer Werbespot bewies). Wenn mich nicht alles täuscht (und das passiert häufig), war Herr Agassi doch genau derjenige Italiener, der unsere Steffi zur Nudel verführt hat. Im Spiel um die Wurzeln von Barilla steht es demzufolge 15:15.

Ich beschließe, meiner Neugier ein Ende zu setzen und meinen unbemerkt ausschweifenden Monolog im Supermarkt mit einem Schlusssatz zu beenden. Ich fülle meinen Warenkorb auf dem Weg zur Kasse mit einer Flasche "Maggi Tomato Sauce", die direkt neben "Maggi Tomato Ketchup" steht, und greife zudem noch nach einer Zwiebel. Zuhause angekommen habe ich das gute Recht, die für umgerechnet ca. 5€ erstandene Pasta-Box aus dem Hause Barilla ein wenig genauer zu inspizieren. Wie gewohnt erscheint sämtliches Geschriebenes in Deutsch, wobei mir vor allem die Wörter Pasta, Penne und al Dente erschreckend international vorkommen. Auf dem Weg zu "Made in ..."-Erläuterungen finde ich einen Sticker, der wohl auf die Rechnung der Inder geht.

Legally imported.
- NO BEEF CONTENT -

Immerhin weiß ich nun, dass ich bei (fiktiven) Schmuggelaktionen meine Chancen potenzieren dürfte, sofern ich mit solch einem Aufkleber für Klarheit sorgen kann. Die Identitätskrise der Pasta wird daraufhin übrigens folgendermaßen aufgeklärt: Barilla wird in Italien produziert, scheinbar aber wirklich primär für den deutschen Markt. Meine Penne sind demnach in Italien geboren, in Deutschland aufgewachsen und werden in Indien ihre Bestimmung finden.

Wir haben in unserer Wohn- und Lebensgemeinschaft nur eine Herdplatte, weshalb es mir verwehrt wird, Nudeln und Soße parallel zuzubereiten (Andeutung des Erzählers: so wurde es mir zumindest im Zuge von Prozessoptimierung beigebracht). Da ich durch einen plötzlichen Telefonanruf die Nudeln völlig vergesse und somit überkoche, bleibt nur wenig Zeit zum Zubereiten der Soße und schon gar keine zum Improvisieren und Experimentieren. Ich frage also schnell den Mitbewohner nach Öl, dieser rennt daraufhin ins Bad und bringt von dort eine Flasche Kokosnussöl, welches hier generell zum Fetten der Kopfhaut verwendet wird. Ich entschließe mich, die Zwiebeln lieber im trockenen Topf zu braten, woraufhin sie gänzlich schwarz werden. Zuguterletzt kommt noch die "Maggi Tomato Sauce", von der ich mir nach all dem, was bisher zwischen mir und der Mahlzeit passiert ist, noch am meisten verspreche.

Ich vermische die weichen Nudeln mit den schwarzen Zwiebeln und der aussichtsreichen Soße und stelle beim ersten Bissen fest, dass diese einer Aufschrift "Maggi Tomato Ketchup" ebenfalls gerecht werden würde. Ich hasse Nudeln mit Ketchup.

Donnerstag, 18. Februar 2010

Superdan

Wir bekommen hohen Besuch aus den Staaten, ein entfernter Vorgesetzter, der wohl nur mir ein Unbekannter ist. Lange vor seiner eigentlichen Ankunft wurden schon alle Kalender geblockt mit den drei mysteriösen Buchstaben D A N, die das operative Business quasi auf Eis legen sollen. Er will schon auch unterhalten werden, der große weiße Mann, wenn er sich auf den weiten Weg macht. Parallel dazu wurde ein Teammitglied damit beauftragt, Merchandiseartikel mit der Veronomatopoesierung des Namens unserer Hoheit, wie sie einem bekannten Hindi-Song entstammt, anfertigen zu lassen: "dan-dana-dan", zu vergleichen in etwa mit unserem "la-la-la-la-la". Selbstverständlich schmücken wir alle unsere Kleider mit Broschen dieser kindlich anmaßenden Floskel und tragen ihm besagtes Lied im Kanon vor.


Beim Mittagessen sitzt er recht zentral am Tisch und ich nur zufällig neben ihm. Er erzählt und erzählt, wie er sich wagemütig in Indien von einem Abenteuer ins nächste stürzt. Ja, er ist sogar schon Rikscha gefahren und toll, er hat hier auch schonmal einen Tee getrunken. Die Augen sind auf ihn gerichtet, er genießt die Aufmerksamkeit und die Anerkennung seines Mutes. Über sämtliche Lippen rollt beständig ein "wow" oder zumindest ein dezentes "great". Da er aufgrund der Tatsache, dass ich neben ihm sitze, weder meine Augen noch meine Lippen sehen kann, erspare ich mir diesen Affenzirkus. Das erschreckende ist für mich dabei, mich gerade zu gut mit ihm identifizieren zu können und meine ersten Tage nochmal im Schnelldurchlauf an mir vorbei rasen zu sehen. Das was ich, respektive er, da von uns geben, dürfte wohl so das Natürlichste Tun im Alltag jedes Inders seit Lebzeiten sein.

In einer Präsentation, bei der die Anwesenheit aller abverlangt wird, erzählt unser Häuptling den indischen Arbeitnehmern am Beispiel Deutschland, wie man Dinge optimieren und auf Effizienz trimmen kann. Er bezüge sich ausgerechnet gerade auf Deutschland, da er zuvor dort auf kulturellem Besuch war. Die Aussage ist banal, die Geschichte fatal; es geht um den Umstand, dass in Deutschland Schweinefleisch mit zu den Gemüsen gezählt wird. Die Zuhörer finden dies durchaus interessant, ich frage mich, wo er diese seltsame Fehlinformation aufgeschnappt haben könnte.

Im Zuge meines zeitlichen Freiraumes bei der Arbeit habe ich hin und wieder versucht, auf anonymen Wegen meinen einen Kollegen zu kontaktieren, der seit kurzem regelmäßig dem Fitnessstudio einen Besuch abstattet. Ich nutzte dabei Schwachstellen in firmeninternen Systemen und versendete SMS und E-Mails im Namen von Pamela Anderson. Ich weiß, dass ich mir das erlauben kann, da er ganz genau weiß, dass ich der Scherzkeks bin. Beim routinemäßigen Verlassen meines Arbeitsplatzes für eine Tasse Tee scheine ich wohl zu vergessen, meinen Computer mit Aufforderung zur Eingabe eines Passwortes zu schützen. Als ich zurückkomme, sehe ich den Sent-Ordner meines E-Mail Programms, aufgeschlagen ist eine Mail an meinen Manager:
"Sorry Boss, but I will quit my job here immediately. I have already booked a flight back to Germany, it will leave tomorrow. I just can't stand it anymore without my pork-vegetable."

Montag, 15. Februar 2010

Sideshow-Story: Cheezy

Zitat meines Mitbewohners:

"Hey Markus, you know that one place in Marathahalli where they serve cheese? I mean I hate cheese, but theirs really tastes like chicken."

Sunday

Bisher waren meine in Bangalore verbrachten Wochenenden hauptsächlich unspektakulär. Ich habe zwar befreundeten Kollegen, die eine Wohn-Lebens-Gemeinschaft führen, schon mehrfach an einem Samstag oder auch Sonntag einen Besuch abgestattet, die Zielpersonen dann aber immer in schlafendem Zustand vorgefunden. Die Uhrzeit scheint dafür unerheblich, ich fürchte, die freien Tage werden allgemein fast gänzlich verpennt. Ich versuche aktiv, meiner Langeweile entgegenzuwirken und mein Schicksal (bzw. Wochenendprogramm) selbst in die Hand zu nehmen. Ich gehe nach dem recht tristen Samstag hochmotiviert vor die Tür mit dem Ziel, meinen Block zu erkunden, da ich neben vorgetretenen Pfaden kaum Straßen oder gar Orientierung kenne. Bei meiner Wanderung sehe ich überraschend viele Slums in der direkten Umgebung, welche sich teilweise an noble Häuser anlehnen; diese Konstruktion spart immerhin eine Dimension Häuslichkeitsressourcen. Dem vielfach angepriesenen Konzept der Wiederverwendung kommt dieser Gedanke als Nebeneffekt sicher entgegen.

Die Zeit vergeht, ich fühle mich beschäftigt und genieße die Sonne. Diese wird nach einiger Zeit aber unerträglich heiß. Mein Kopf wird schwerer, ich durstiger und meine Haut gelbrötlicher. Nach 30 Minuten gebe ich auf, da ich einen Hitzeschlag bei Nichtabbruch meiner Mission nicht ausschließe. Erschwerend kommt hinzu, dass man mit jedem Atemzug neben einem verschwindend geringen Anteil O2 eine nicht unerhebliche Menge Feinstaub vom Feinsten purster Pollution einatmet. Dazwischen finden sich hin und wieder auch Spuren von Methan. Ich kehre um und bin so k.o., dass ich selbst für die nächsten zwei Stunden schlafe.

Auch meine Mitbewohner schlafen, was mir nicht unbedingt mehr Beschäftigung verspricht, als ich wieder aufwache. Ich hole die Wäsche vom Dach und sehe auf dem Weg zum Verstauen derselbigen ein Geschenk des Himmels. Ich habe meine Aufgabe (= Zeitüberbrückung = Herausforderung) gefunden. Es lacht mich an, dieses heiße Eisen, und ich kann der Versuchung nicht widerstehen endlich einmal mit ihm zu spielen. Ich gehe ganz vorsichtig mit ihm um, will es nicht verletzen. Es ist schließlich mein erstes Mal und dieses behält man sich ja doch schon irgendwie in Erinnerung.


Mir wird richtig warm von dem was wir da tun. Wir bewegen uns in unserem gemeinsam geschaffenen Rhythmus und spüren, dass die Sache glatt läuft. Ich habe das Gefühl, es gefällt uns beiden. Danach brauchen wir beide einen Schluck Wasser. Zisch!

Als ich bisher im Büro Montag morgens regelmäßig "How was your weekend?" gefragt wurde, dachte ich noch, ich müsste irgendwas erzählen, nur zuhause zu sitzen kann ja schließlich kein erfülltes Leben sein. Außerdem bin ich doch immer noch a) jung und b) der Gattung der Touristen abstammend, da muss einfach etwas passieren. Ich bemerke, dass die Kollegen bei der Antwort auf die Frage (die meinerseits immer spektakulärer dargestellt wird, als sie in Wirklichkeit ist) recht schnell abschalten und noch währenddessen bereits den nächsten nach seinem "weekend" befragen. Ich habe im Lauf der Montage aufmerksam die Reaktion der anderen beobachtet und weiß nun, was eigentlich von einem erwartet wird: "Nothing. Just taking rest."

Sonntag, 14. Februar 2010

Saturday

Es ist Wochenende und Zeit Wäsche zu waschen. Glücklicherweise haben wir für diesen Fall eine Waschmaschine vorgesehen. Ich habe schon ein paar Runden mit ihr gedreht, aber so ausdauernd wie heute war sie noch nie. Sie verfügt über eine Digitalanzeige, die die noch verbleibende Waschzeit wiedergibt; optimal also, um den Waschprozess unkompliziert in seinen Tagesablauf zu integrieren. Ich plane deshalb so kleinkariert, da ich nur sehr ungerne Wäsche bei Dunkelheit oben auf unserem Dach aufhängen gehe. Ich habe dies einmal gemacht, mich dabei vorher selbstverständlich ordnungsgemäß eingemummt und mit Antimoskitolotion vollgekleistert. Zurück im Drinnenen, habe ich circa 30 Minuten später urplötzlich das Bedürfnis, mich am Kopf zu kratzen. Ich gebe mich meinem Trieb hin und zucke sowas von zusammen, als ich bemerke, dass ich einen Gast in meiner gelben Mähne habe. Es ist ein lebensgroßer Grashüpfer, aber nicht etwa quietschegrün, sondern braun und schleimig. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht so genau, ob es wirklich ein Grashüpfer ist, ich schloss nur darauf, weil es mir in diesem Moment des Schreckens (ich glaube dieser war beidseitig) mit Anlauf vom Kopf gesprungen ist. Daraufhin habe ich sofort Haare gewaschen und den Rest des Abends damit verbracht, mir Eier von dieser Kreatur in meiner Kopfhaut vorzustellen. Nicht besonders angenehm also.


Ich stelle die Waschmaschine um 10h morgens an und schließe aufgrund der abgelesenen Lettern "1:31", dass ich gegen 11:30h die Wäsche sicher bei Tageslicht auf dem Dach unterbringen kann. Was ich dabei nicht einkalkuliere, ist der gegen 10:10h einsetzende Stromausfall. Dieser dauert glücklicherweise nur 2h, die Waschzeit verlängert sich dadurch analog. Kurz nachdem der Strom wieder da ist, wird aber das Wasser knapp. Der lebenswichtige Waschmaschineninput sinkt dadurch rapide pro Zeit. Die Waschmaschine bewegt sich zwar, die Anzeige bleibt aber längerfristig bei "1:21" stehen. Fairerweise treten zwischendurch auch immer wieder kürzere Stromausfälle auf. Es wird Abend und somit dunkel, der 7. Stromausfall scheint wieder ein längerer zu sein. Wie lange die Waschmaschine unter Normalzufuhr von Wasser und Elektrizität noch zu waschen bräuchte, kann ich aktuell nicht sagen, da die Digitalanzeige dem Wegsein des Stromes kampflos ergeben ist.

Ich beschließe, an diesem Tag zumindest einmal einen Schritt vor die Tür zu setzen und gedenke, auf diesem Weg meine Lust auf Abendessen zu befriedigen. Auf dem Weg zu einem Restaurant, das ich schon immer mal ausprobieren wollte, rennt mir eine riesige Menschenmasse entgegen. Dieser folgt wiederum eine nicht geringere Menge von Polizisten, die mit langen Metallstöcken in die vor ihnen trabende Menge einschlagen. Sämtliche Hunde der Stadt haben sich bereits am Straßenrand versammelt und bellen laut. Ich drehe um, renne vor der eigentlich wegrennenden Menge weg nach Hause, esse im Dunkeln trockenes Toastbrot und rede auf die Waschmaschine ein, doch wenigstens bis zum nächsten Morgen fertig zu werden.

Wordplay

Dieser Beitrag wurde zumindest inspiriert von Sebastian.

Beim Mittagessen im Büro, bei dem man mich hin und wieder auffordert "say something in German", bringe ich meinen Kollegen ein Wortspiel bei. Es handelt sich dabei um einen Satz, der ausschließlich aus zwei verschiedenen Wörtern besteht, aber durchaus voll und ganz Sinn ergibt. Das kann sich keiner so richtig vorstellen, doch zumindest beim Mitsprechen versuchen sich die meisten. Ich gebe den Ton an, der Rest stimmt mit ein: "der in der in der in der in" oder - einen Tick fließender gesprochen - "der Inder in der Inderin". Die Kollegen sind begeistert und können gar nicht mehr damit aufhören - bis ich auflöse, was wir da gerade eigentlich brabbeln. Daraufhin stehen alle Mundwinkel offen, Gesichter erröten und die Kollegen geben sich Mühe, schnellstmöglich vom Thema abzulenken.


Mittwoch, 10. Februar 2010

Outsourcing

Verehrter Leser,

ich möchte mein 50. Kapitel einer Geschichte widmen, die nicht aus meiner eigenen Feder stammt. Das heißt, dass ich meinen schwach ausgeprägten roten Faden hiermit öffnen und einem treuen Leser die Chance ermöglichen möchte, seine Geschichte in meiner unterzubringen. Ich stelle dabei keinerlei Restriktionen, außer dass ich die Hauptrolle spiele und dass das angebliche Geschehen in Indien stattfindet.

Bewerbungen nehme ich per Mail (Anmerkung des Erzählers: E-Mail!) entgegen. Ich freue mich über jegliche Zusendungen!

Ausgezeichnet wird der mir am besten gefallenste Artikel - neben der Veröffentlichung - außerdem mit indischen Bonbons, einer Lokalspezialität.


Einsendeschluss ist der 13. Februar, 22h IST.

Indian Standard Time

Dass eine halbe Stunde durchaus eine gefühlte ganze oder gar noch mehr sein kann, diese Erfahrung denke ich mit der Allgemeinheit zu teilen. Je nachdem wie angenehm einem die Situation, deren Beteiligte sowie der zugrundeliegende Handlungsstrang vorkommen, vergeht die Zeit wie im Flug oder quälend langsam. Da ich durch Leben des Kapitels Tummy Upset viel körpereigene Flüssigkeit verloren habe, ist mein Anliegen bei Anruf eines Mitbewohners in erster Linie Wasser. Dieses ist nämlich gerade im richtigen Moment in den eigenen vier Wänden ausgegangen und ich beginne zu dehydrieren. Ich bin alleine zuhause und meine Ortskenntnisse reichen leider noch nicht bis zu einem Supermarkt, dem ich sauberes Wasser im wahrsten Sinne des Wortes abkaufen würde. Bei den meisten kleinen Straßenläden sollte es mich nicht wundern, schlichtweg immer und immer wieder abgeratenes Leitungswasser in den Flaschen vorzufinden.

Ich erkläre also meinem Mitbewohner über Telefon meine Situation, äußerst unangenehm, so detailliert wie möglich, um dessen Helfertrieb zielgenau anzusteuern und zu triggern. Dieser ist, wie er mir erzählt, gerade noch im Facebook, wird mir aber so schnell wie auch nur irgendwie möglich entgegeneilen und spätestens bis in einer halben Stunde mit so viel Wasser vor der Tür stehen, dass ich darin baden könnte. Puh, Glück gehabt. Ich schaue also genau auf die Uhr und gebe mich ihrem Ticken hin. 5 Minuten. 10 Minuten. 15. 20. 30. So langsam müsste er doch kommen. Nichts. Mein Handy: stumm. Ich: Verlust von Kontrolle über Körper und Geist. Halluzinationen. In meinen Gedanken trinke ich den Uhrzeiger, der mich zumindest mit ausreichend verfließender Zeit beschert. Der Health-Balken meines zu lang gespielten Videospiels sinkt bis in den roten Bereich und der Charakter, den ich spiele, hat nicht mal mehr ein Medi-Pack übrig. Die Affen kommen und nagen an mir.

Ganze dreieinhalb Stunden später, also ganze drei Stunden zu spät, öffnet sich die Tür. Mein Mitbewohner kommt entspannt und aufgetankt mit den neuesten Updates seiner Freunde nach Hause und kann gerade noch die Affen vertreiben, die bereits sämtliches Verwertbares von mir abgeknabbert haben. Immerhin hat er Wasser dabei, Wasser welches ich mir postwendend die Flasche senkrecht haltend in den Rachen stürze (Anmerkung des Erzählers: der Flaschenhals zeigt dabei zu mir). Während ich das Bewusstsein wieder erlange, weise ich meinen Mitbewohner auf das Delta-T zwischen meinem Anruf und seiner Ankunft hin. Seine Begründung bezieht sich auf die Zeitverschiebung, Indiens interner Zeitverschiebung; kurz "IST", oder ausgeschrieben: "Indian Stretchable Time".

Montag, 8. Februar 2010

Tummy Upset

Ich kann leider nicht ganz genau sagen, welcher der beiden Artikel Out Of Everything respektive XXY (I put a spell on you) mehr zu meinem Unheil beigetragen hat. Vielmehr kann ich aber fühlen, dass mein Magen-Darm-System plötzlich Dinge tut, die ich selbst mit viel Wohlwollen nicht mehr der Kategorie normal zuordnen kann. Der Drang zum Gang zu den sanitären Einrichtungen baut sich binnen weniger Minuten bis zu einem an Explosionsgefahr grenzenden Maß auf und ich möchte nichts als meinen Gefühlen freien Lauf lassen. Ich habe damit gerechnet, dass es mich eines Tages einholt, dieses Phänomen, ja ich hätte mir wahrscheinlich sogar mehr Sorgen gemacht, wenn es in meinem Fall ganz ausgeblieben wäre. Das gehört einfach zum Indienaufenthalt dazu und die Fragen, die man später zurück in der Heimat gestellt bekommt, zielen doch sowieso in erster Linie auf dieses Thema ab. Nachdem am Tag 5 meiner Mobilitätsstörungen (Anmerkung des Erzählers: ich möchte an dieser Stelle explizit auf Doppeldeutigkeit hinweisen) mein Bauch derart aufgebläht ist, dass ich es sogar in Erwägung ziehe, ein Kind auszutragen, beschließe ich diesen Umstand auch bei erneutem Versuch nicht als normal einzustufen. Da ich jeden Arbeitstag zwischen dem Eingang der Firma und meinem Arbeitsplatz das Schild "Way to doctor's room ->" passiere, gedenke ich am Tag 6 des Tohuwabu meiner Interna, dass dies der richtige Zeitpunkt sein sollte, diesem Doktor mal einen Besuch abzustatten.

In besagtem Raum treffe ich auf niemand geringeren als die Dame, die damals beim ersten Versuch in Bus "#41" direkt vor mir saß und somit die Initiatorin der ganzen Verwirraktion um guter versus böser Bus war. Ich fühle mich demnach gleich wohl und freue mich auf Bevorstehendes. "Are you the doctor?" frage ich verwundert. Auch sie erkennt mich wieder und auch ihr wird warm ums Herz. "No no, I'm just his assistent. The doctor is sitting in the other building today." Ich habe genügend Zeit, auf dem Weg in das andere Gebäude darüber zu philosophieren, warum es sich gerade heute als sinnvoll erweisen sollte, Arzt und Arzthelferin getrennt aufzubewahren.

Der Doktor fragt nach Name und Alter, welche er daraufhin in das ausschließlich sequentiell strukturierte Buch aller Patientendaten (die Akte aller Akten) aufnimmt. Ich erzähle von meinen Beschwerden, drücke zur Verdeutlichung des Gesagten auf meinen Babybauch und jaule "stomach, stomach". Der Arzt greift zu meinem Arm, misst meinen Puls in rekordverdächtigen 5 Sekunden and that's it. Er geht wieder zu der ihm zugesagten Seite des Schreibtisches und fängt an, mir vier verschiedene Medikamente aufzuschreiben. Abschließend sagt er noch, dass ich mir keine Sorgen machen müsste und dass ich sehr wohl jeden der folgenden Tage Vollzeit arbeitstüchtig bin. Das ist wohl die Rolle des Company-Doctors.

Ich besorge mir die Medizin in einer "Apotheke" und bin erstaunt, weder einen Namen, noch ein Mindesthaltbarkeitsdatum, geschweige denn eine Packungsbeilage zu den bunten Chemiebonbons zu finden. Diese gibt es quasi lose auf die Hand, kosten dafür aber auch nur umgerechnet 2€. Ich bin zwecks einer Einnahme skeptisch und warte den darauffolgenden Tag ab.


Das Logbuch zeichnet bereits Tag 7 ab Start Unwohlsein auf. Ich frage einen Kollegen, ob er denn schon Erfahrungen mit dem Company-Doctor gemacht hat. Dieser beginnt laut zu lachen und steckt mich damit gleich an, da ich eine lustige Geschichte erwarte. Er erzählt, dass der Grund für seinen Besuch damals eine Stimmbandentzündung gewesen sei. Auch ihm wurden initial Namen und Alter abgefragt, welche letztendlich im großen Diagnosenbuch untergegangen sein dürften. Letztere Frage beantwortete er übrigens wahrheitsgemäß mit "thirty", der Arzt verstand und schrieb aber daraufhin "13", "thirteen". Wie sich herausstellt, hat er damals bei zugegebenermaßen einem von meinem verschiedenen Krankheitsbild und -verlauf genau dieselbe Medikation verschrieben bekommen. Er hat - ebenfalls skeptisch - einen Medizin studierenden Freund gefragt, ob er denn die Chemiekeule identifizieren könnte. Dieser hat aufgeklärt: eines ist gegen Erkältung, eines ist gegen Fieber, eines ist gegen Magenprobleme, und das letzte schließlich gegen allergische Reaktionen. Wenn der Patient einfach alles einnimmt, stehen die Chancen, dass das richtige dabei ist und hilft, verhältnismäßig hoch. Warum sollte sich der Arzt dann überhaupt die Mühe machen eine Diagnose zu stellen?

Ich gehe noch am selben Tag ins Krankenhaus und lasse mir zumindest alibimäßig meinen Bauch abtasten. Ich bekomme vom dort praktizierenden Arzt nun fünf neue Medikamente verschrieben. Da ich scheinbar sonst keine Hoffnung auf Besserung in Sicht habe, ergebe ich mich schlussendlich seinen mysteriösen Pillen.

Samstag, 6. Februar 2010

XXY (I put a spell on you)

Neben den serienmäßigen Bettlern, die Mitleid erzeugen und dies in monetäre Ströme umwandeln versuchen gibt es eine Reihe weiterer Formen des Gelderwerbs auf der Straße. Manche verkaufen Luftballons, andere Sonnenbrillen der Marke "Rey Ben". Ein noch kreativeres Vorgehen zeigt sich an manch einer Kreuzung, wo Autos und Motorräder für einige Zeit still stehen. Es sind Männer in Frauenklamotten, mit langen Haaren und künstlichen Brüsten, die zwischen den Vehikeln umher laufen.

Wesen, die aufgrund einer Chromosomenkonstellation XXY quasi geschlechterlos sind, tragen den Ruf, böse Flüche sprechen zu können. Dass die vielen auf weiblich getrimmten Männer aber tatsächlich alle unter diesem Gendefekt leiden, ist statistisch unmöglich. Ich saß im Auto, als bestimmt fünf Weibsmänner um meine Aufmerksamkeit und um mein Geld für Fluchschutz gekämpft haben. Nachdem ich den Forderungen nicht nachgegeben habe, schlugen alle mit ihren dumpf klingenden Ringen gegen unsere Fensterscheiben. Auf diese Weise äußert sich scheinbar die Vermaledeiung.

Einige Tage später höre ich von anderen Mitfahrern in einem anderen Auto, dass nicht auszuschließen sei, dass im Zuge des bevorstehenden Nationalfeiertages, einige Polizisten derart verkleidet auf die Straßen gehen. Um Terroranschlägen bestmöglich vorzubeugen, wird es wohl kaum schaden, als XXY-Fake eine recht exklusive Sicht in sämtliche Fahrzeuge zu bekommen.

Donnerstag, 4. Februar 2010

Heavy Metal

Mein erster Pubbesuch in dem für diese Szene verhältnismäßig nicht unbekannten Bangalore führt in einen Schuppen, der dem vorwiegend männlichen Publikum den Abend mit hartem Metall versüßt. Heavy Metal und Bier ist generell recht beliebt unter Männern, die Erklärung hierfür liefert mir ein Gast, der bereits genügend Hemmungen verloren hat, um mich mit der Wahrheit zu konfrontieren. Die Männer sind sexuell nicht ausgelastet und wenn sie gerade einmal nicht masturbieren, geben sie ihre Triebe der lauten Gitarrenmusik hin. Ich finde diese Anschuldigung sehr hart, sehe aber trotz der starken Einseitigkeit einen Funken Wahrheit in ihr schimmern.

Sex und alles was in diese Richtung andeutet, ist im Öffentlichen ein Tabu. Er ist außerdem Mittel zum Zweck, nämlich der Arterhaltung und der Kontinuität der Familientradition und nicht etwa Instrument zur sexuellen Selbstverwirklichung. Frauen werden generell auf diese Pflichterfüllung reduziert. Unter erwachsenen Männern wird das stille Thema aufgrund allgemeiner Unerfahrung recht pubertär behandelt und das Herumstöbern auf fremden Profilen in Facebook darf wohl bis zu einem gewissen Grad auch als Aufgeilung angesehen werden. Die westlichen Männer seien so viel produktiver als die Inder, weil sie ein geregeltes Sexleben führen und sich daher auf der Arbeit nicht mit diesem Thema beschäftigen müssen, sagt einer beim Bier und Judas Priest.

In Bangalore findet traditionsgemäß dieses Jahr zum dritten Mal das moderne Musikfestival Rock in India statt, dessen Historie auf Headliner wie Iron Maiden und Megadeath zurückblickt. "India's only international music festival", so der Untertitel. Völlig unbegreiflicherweise wurden für dieses Jahr die Backstreet Boys als Hauptact angekündigt. Die Webseite des Festivals wurde daraufhin für einen Tag lang von einem wahren "Indian Metal Head" gehackt, der durch die Übernahme der Webseite die Gelegenheit hatte, seinen Hass öffentlich zu demonstrieren. Möge Thors Hammer alldenjenigen ihr Leben lang alltäglich in den Arsch rammen, der den hiesigen Männern auch dieses Vergnügen nehmen will!