Sonntag, 31. Januar 2010

Out Of Everything

Mein erstes Wochenende in Bangalore verbringe ich nicht in Bangalore, dafür aber inmitten einer acht Autostunden entfernten Kaffeeplantage. Auf der weitestgehend unbefestigten und damit gleichweg holprigen Fahrt in die Nacht schalten wir hin und wieder alle Lichtquellen stumm, um dem einsamen Gefühl von Nichts so nahe wie selten zuvor zu kommen. In Coorg, zumindest kann man den abgelegenen Ort auf diese Weise bestmöglich beschreiben, werden wir von dem wohl klarsten Sternenhimmel begrüßt, den ich je gesehen habe. Kein Lichtsmog, wie man ihn von der Stadt gewohnt ist, kein Handyempfang und wohl auch kaum eine Menschenseele.


Der Grund für das Erscheinen ist der Erwerb von neuem Land der Mutter meiner beiden Mitbewohner, die hiermit offiziell verbrüdert sein sollen. Wir leben gemeinsam mit den Plantagenarbeitern in einer Hütte; die Ressourcen für alltäglich anfallende Bedürfnisse werden hier aus Regenwasser und freilaufendem "Pork" aufgebracht. Leider erfahre ich von diesen offensichtlichen Umständen erst, als ich bereits zu sämtlichem "It tastes nice" sagen kann.

Da die meisten der hier sesshaften - ebenso wie ich und ebenso wie der Zufall es will, meine beiden Mitbewohner - katholisch sind, wird aus Ermangelung an Nähe zu einer Kirche am heiligen Sonntage das Handy als Abspielgerät für heilige Verse und Chorgesang genutzt. Somit sei genug der Religion für den Tag. Wir laufen durch Kaffee-, Pfeffer- und Ingwerplantagen, die so omnipräsent sind, dass wir sämtliche Extremitäten einsetzen müssen, um uns einen Weg zu bahnen. Dabei begegnen wir auch einigem Getier, welches mir so fremd wie giftig erscheint. Insbesondere der tausendfüßrig buschige Tausendfüßler sei an dieser Stelle erwähnt.


Während wir das neue Land erkunden, genießen die Plantagenarbeiter den heiligen Tag mit einer gehörigen Portion Sonne auf dem Haupt und einer ordentlichen Ration Alkohol im Blut. Einer gibt dem anderen 100 Rupien mit auf den Weg ins nächste Dorf, um sich von dort Alkohol mitbringen zu lassen. Der eine ist aber cleverer und trinkt sein erworbenes Gut im Wert von immerhin 200 Rupien bereits auf dem Rückweg. Daraufhin beginnt ein großes Zinober, von dem ich leider nur wenig verstehe. Mir wird übersetzt, dass der Betrunkene mit einem erfundenen Dritten in seine Hand telefoniert, während der Nüchternere nebendran steht und an dieser Konversation ebenfalls teilzunehmen scheint.

Vor unserer Abreise schenkt mir einer der desorientierten noch eine Rose zum Abschied. Ich nutze die Chance, um mich durch eine Portraitaufnahme dankbar zu zeigen und verabschiede mich auf diese Weise von dieser wunderschön fotogenen Landschaft.

Samstag, 30. Januar 2010

Solar Eclipse

Alle Kollegen reden am Morgen des 15. Januar fast ausschließlich über die noch am selben Mittag eintreten werdende Sonnenfinsternis. Die Gespräche drehen sich auf der Erde also quasi um die Sonne. Da ich bisher durch gänzliche Enthaltsamkeit jeglicher Form von Medien geprägt bin, ist meine kurz und eher knappe Vorfreude dafür umso intensiver. Ich habe zwar in der Heimat schonmal eine solche Sonnenfinsternis miterlebt; meine Erinnerungen beschränken sich in dieser Hinsicht aber hauptsächlich auf Bilder von Menschenmassen, die ihren Kopf im Winkel von 45° zum Himmel erheben und dabei seltsam anmaßende Pappbrillen tragen.

Der Mittag rückt näher, die Spannung steigt, so auch der Hunger. Ich wundere mich, warum ich auf der sonst so überfüllten Sonnenterrasse fast ganz alleine speise, dort wäre die Aussicht auf das Kommende doch mit am besten. Die Sonnenfinsternis tritt ein, vergeht. Ich hatte den Ehrenplatz und fühle mich wie der Grund der Veranstaltung.

Erst nach der Rückkehr zu meinem Schreibtisch wird mir erzählt, dass das der morgentlichen Aufregung zugrunde liegende Gefühl eher Angst als Vorfreude war. Eine Sonnenfinsternis, die ist göttergewollt und verheißt im Allgemeinen nichts Gutes. Als ich gegen 17h wie gewohnt das Büro zum Antreten des Heimweges verlasse, begegnet mir auf selbigem eine Kollegin, deren Bekanntschaft ich bereits gemacht habe. Besagte Kollegin steht nur noch knappe drei Monate vor ihrer Auslieferung (Anmerkung des Erzählers: Auslieferung im Sinne der wörtlichen Übersetzung von delivery). "Oh you are already leaving", sagt sie zu mir, "And you are just coming?" frage ich verwundert. "Yes. You know, pregnant women are meant to stay inside during a solar eclipse. The gods may otherwise punish them with a disabled child."

Donnerstag, 28. Januar 2010

Spicy, Spicy

Meinen ersten ernstzunehmenden Scharf-Schock erlebe ich beim Mittagessen im Büro. Der Mund brennt, mir wird schwarz vor Augen, ich verliere das Bewusstsein. Ich habe keine Ahnung, woher es kommt, lenke meine Aufmerksamkeit aber sofort auf die Buttermilch, die ich vom Büffet mitgenommen habe. Ich habe gelernt, dass diese nicht nur der Verdauung zu Gute kommt, sondern auch Schärfe im Mund-Rachen-Raum neutralisiert. An jenem Tag ist sie, wie durch die Undurchsichtigkeit ihrer selbst nur schwer durchschaubar ist, nicht ganz pur.

Ich trinke, trinke, trinke und nehme unhöflichsterweise sogar noch die Buttermilche meiner Nebensitzer in Anspruch. So lange bis jemand sagt: "Markus, the Chilis are actually inside the Buttermilk."

Riddles, Puzzles and Mysteries

Ich fühle mich tagtäglich neuen Herausforderungen ausgesetzt und realisiere immer wieder aufs Neue, dass Indien nichts als ein großes Rätselspiel ist,




welches aber nie an Reiz verliert und generell für Spaß sorgt.

The Mattress

Nachdem die Zeit gekommen ist, meine temporär eingerichtete Unterkunft für immer zu verlassen, bin ich froh das Glück zu haben, bereits ein längerfristigereres Resort sowie potentielle Mitbewohner in Aussicht zu haben. Es handelt sich hierbei um eine 2-Raumwohnung mit Blick auf die Straße, welche ich mir mit zwei der indischen Kultur Abstammenden teilen möchte. 2 für 3 klingt absurd, ist aber durchaus nicht unmöglich. Da meine beiden zukünftigen Freunde einem kulturellen Austausch ebenfalls entgegenfiebern, bieten sie mir an, sich das kleinere der beiden Zimmer - ja sogar ein und dasselbe Bett - zu teilen. Ich komme mit dieser Großer-Weißer-Mann-Attitüde noch nicht ganz klar, nehme das Angebot aber an.

Der Umzug gestaltet sich recht unkompliziert, da ich außer drei Jeans, acht T-Shirts und ein paar Unterhosen quasi nichts aus Deutschland exportiert habe. Ich gedenke, in dieser Hinsicht mittels der starken Kaufkraft meiner Währung während meines Aufenthaltes noch ein wenig aufzustocken. In der neuen Wohnung angekommen spüre ich, dass es wohl besser wäre, zwischen mir und dem Boden eine Matratze schlafen zu lassen. Ich teile dieses Bedürfnis einem der beiden Mitbewohner mit und keine 10 Minuten später stehen drei zusätzliche Hilfskräfte für diese Mission auf der Matte (diesmal ausnahmsweise ausschließlich im übertragenen Sinne).

Der Matratzenhandel findet sozusagen auf offener Straße statt und mir wird geraten, mich zunächst von der Szene gänzlich fern zu halten. Sobald der Verkaufende realisiert, dass ich der eigentliche Interessent bin, sollte sich der Preis doch mindestens verfünffachen. Ich habe schlussendlich die Wahl zwischen einem leicht gepolsterten Stück Styropor und einem Baumwollteppich, der nach einer Woche Benutzung auf die Hälfte seiner Dicke zusammenschrumpft und mit dem man dem Boden unwiderruflich näher und näher kommt. Außerdem stehen die Chancen für einnistendes Ungeziefer bei letzterem recht hoch. Ich entscheide mich also für Variante Styropor (aufgrund von wenigen Contra-, aber auch wenigen Pro-Informationen), welche aktuell leider nur in Farbe pink "vorrätig" ist.

Die Fahrt nach Hause gestaltet sich insofern interessant, da wir keinerlei Möglichkeit sehen, die Matratze im Auto zu verstauen. Wir legen sie daher lose auf das Autodach. Um dennoch zumindest das nötigste Bisschen Fixierung zu realisieren, strecken wir Fahrzeuginsassen einfach je eine Hand durchs Fenster gen Matratze - inklusive dem Fahrer.

Mittwoch, 27. Januar 2010

Rooftop

Mein erstes auswärtiges Essen in Bangalore habe ich in einem auf American Diner getrimmten Restaurant, das dem Namen Rooftop durchaus gerecht wird. Auf dem Dach eines verhältnismäßig hohen Gebäudes sitzend hat man fast das Gefühl, das hektische Straßenleben der Stadt nicht wahrzunehmen. Elvis Presley und Marilyn Monroe an den Wänden, dazu Piano und Gesang live eingespielt lassen einen überhaupt dazu verleiten, ganz Indien für kurze Zeit zu vergessen. Der indische Kellner, der in diesem Ambiente letztendlich chinesisches Essen servieren wird, holt einen aber schnell wieder zurück ins bizarre Erdgeschoss.

Emergency

Nachtrag zum vorhergehenden Artikel: Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es manchmal durchaus auch wieder heraus. Die Telefonnummern 101, 102 sowie 103 dienen dem Verbindungsaufbau mit in besagter Reihenfolge Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst. Sollte man sich jemals in einer brenzligen Situation wiederfinden, in der man auf Hilfe einer der genannten Institutionen hofft, so sollte als Reaktion ein "Go to hell!" ebenfalls nicht ausgeschlossen werden.

Montag, 25. Januar 2010

Crime Rates

Straftaten laut Gesetz gibt es viele, die meisten davon sind hier aus dem alltäglichen Leben aber kaum noch wegzudenken. Ampeln und Straßenschilder à la "Don't Drink and Drive" dürften ebenso angesehen werden wie Wandinschriften "Don't Urinate Here".

Für die vielen Motorradfahrer der Stadt gilt eine Helmpflicht, die Betonung hier liegt aber eher auf Fahrer als auf Motorrad. Wenn also drei weitere Personen mit auf dem Motorrad sitzen (was durchaus nicht unüblich ist) und keinen Helm tragen ist das völlig in Ordnung. Ich habe schon einiges an Hirnschmalz, insbesondere in der Kategorie Physik, investiert, um hierfür eine plausible Erklärung zu finden. Wahrscheinlich ist diese aber so offensichtlich, dass ich sie durch meine tiefgreifenderen Überlegungen schlichtweg übersehe.

Um die Hüter des Gesetzes dennoch zufrieden zu stimmen und vor allem bei Laune zu halten, wird hin und wieder ordnungsgemäß Handelnden eine Strafe aufgebürgt; Bangalore hat eine Kriminalitätsrate, die es im Allgemeinen konstant zu halten gilt. Der etwas erfahrenere Umgang mit dem Thema sieht so aus, die Polizisten links liegen zu lassen und ihnen im Vorbeifahren dezent "Go to hell!" nachzurufen.

Lohri

Auch wenn für meine Verhältnisse der Jahreswechsel bereits zelebriert wurde, nehme ich die doch recht spontane Einladung zu einer weiteren Feier gerne wahr. In Nordindien ist es Brauch, in der Nacht zum 14. Januar das alte Jahr in einem Feuer zu verbrennen und das neue mit einem Tanz um das Feuer Willkommen zu heißen, Lohri. Ganz nüchtern geht man(n) die Sache nicht an, ich habe bei dieser Gelegenheit meine erste Begegnung mit Alkohol (Anmerkung des Erzählers: in Indien). Zuerst ein weißer Wein, der besonders durch besonders ausgeprägte Süße auffällt, danach Whiskey. Ich habe während meiner wilden Zeit gelernt, guten Whiskey zu schätzen und ihn deshalb nicht als Mischgetränk zu verunreinigen. "The Indian Whiskey is so heavy, you can't drink it without mixing." Ich vergewissere mich vom Gegenteil, 37%, und nehme einen großzügigen Schluck direkt aus der Flasche. Von diesem Moment an gebührt mir großer Respekt und ich bin verwundert, warum dem so ist. Das schärfste Essen der Welt, aber selbst der schlappste Whiskey haut alle um.


Meine Mitfeierer zeichnen sich vor allem dadurch aus, männlich, unverheiratet, um die knappen 30 und informationstechnisch tätig zu sein. Solche Runden findet man in Bangalore wohl häufiger. Überhaupt scheint hier alles ein Bisschen liberaler zu sein. Die Leute suchen sich ihre Partner selbst aus und haben auch keine Scheu davor, nach dem was sie tun, nicht zu heiraten. Ich frage meine Kollegin, ob sie denn ihren Zukünftigen schon kennt, als sie mir erzählt, dass sie noch in diesem Jahr vermählt werden soll. "Of course I do. It's a love marriage. The times of arranged marriages are over."

Zurück zu Lohri. Das besagte Feuer wird auf offener Straße entzündet, in Hoffnung auf milde Reaktionen der hier hauptsächlich lebenden Südinder. Einer spricht einen Spruch, beschwört das Feuer, die anderen werfen Popcorn in die Flammen. Dazu ertönt laute Hindi-Musik, die auch mich zum Tanzen anregt. Da ich leider nicht mehr genau weiß, wie ich zu diesem Veranstaltungsort gefunden habe, bin ich froh, am Ende von immerhin 15 treuen Indern bis vor die Tür meiner temporär eingerichteten Unterkunft begleitet zu werden, die circa 10km entfernt sein dürfte.

Donnerstag, 21. Januar 2010

Registration, Part II

Was passiert, wenn man sich einer Sache ganz sicher ist? Genau, das Offensichtliche. Ich teile einem der am Schalter (oder vielleicht besser: am Drücker) sitzenden "Beamten" mit, warum ich hergekommen bin. Darauf zieht dieser recht elegant und schwungvoll einen Zettel unter dem Tisch hervor, auf dem steht: "Today Holiday". Ich nehme diesen Versuch nicht ganz ernst und wiederhole mein Anliegen. Daraufhin sagt der am benachbarten Schalter Hausierende, dass sowieso gerade nicht genügend Kunden da wären und ich deswegen einfach morgen 9h wieder kommen solle. Ich glaube es immer noch nicht ganz und wiederhole meinen Concern nochmals, diesmal in einer anderen Tonlage. Tatsachen wie 30km Entfernung sind für Indien aber leider relativ.

Ich denke kurz nach, wie eine Registrierung ablaufen könnte, und füge meiner Argumentation schlagkräftig hinzu, dass ich doch sowieso nur ein blödes Formular ausfüllen müsste, welches er dann in einen dafür vorgesehenen Ordner, ebenfalls blöd, abheften wird. Dies wird trotz des offensiven Gebrauchs von "blöd" sogar bejaht. Morgen 9h, letzte Antwort. Ich bleibe hartnäckig, fühle mich in dem was ich tue aber auch gleichzeitig verzweifelt. Schaltermann Nummer 3 greift zum Telefon, brabbelt Lokalsprache. Daraufhin betreten zwei Polizisten in Uniform den Raum, um mich nach draußen zu begleiten.

Naiv wie ich bin, habe ich auf den folgenden Tag 9h tatsächlich einen weiteren, 30km entfernten Versuch unternommen. Bei diesem habe ich - wie angekündigt - wesentlich mehr Gesellschaft von anderen Registrierungsbedürftigen. Ich stelle mich also eine knappe Stunde an und fülle in der Wartezeit sämtlich Formulare aus, die herumliegen. Manche sogar mehrfach, des Zeitvertreibens wegen. Auf dem Weg durch die Schlange begegnet mir ein deutsches Pärchen, welches sich in erster Linie dadurch auszeichnet, circa meine Menge an Papier in der Hand durch ausschließlich verschiedene Dokumente aufzubringen. Ich fühle mich klein, starte aber dennoch selbstbewusst einen Annäherungsversuch. Mittlerweile bin ich auch an der Reihe beim zuständigen "Beamten". Dieser sagt, dass ich keine Chance auf Registrierung hätte, da essentielle Dokumente fehlen.

"Where can I find these documents?" lautet die Frage, "Only on the Internet, we do not provide printed versions for these." die Antwort. Ich erhalte daraufhin außerdem eine Liste mit all den darüber hinaus einzureichenden Dokumenten, unter anderem vertrauliche Daten meines Unternehmens (welche der frische Praktikant in seiner ersten Woche ganz bestimmt vom Chef vom Chef vom Chef ohne ein Wimpernzucken bekommt) sowie Telefonrechnungen. Ich habe zwar eine hohe in der Hinterhand, aber leider keine für eine mit 9 irgendwas beginnenden Nummer. Auf der Liste steht unten noch dezent der Hinweis, dass die zwanzig Dokumente in der richtigen Reihenfolge vorliegen und getackert sein müssen, sonst würden sie nicht als gültig anerkannt.

Das deutsche Pärchen ist, wie sich herausstellt schon zum siebten Mal da und hatte also wesentlich mehr Chancen als ich. Da sie die ersten drei Jahre in Indien gänzlich ungemeldet gelebt und gearbeitet haben, forme ich die rechte Hand zu einer Faust und sage Fuck it. Ich werde ein schwarzes Schaf bleiben.

Registration, Part I

Wie ich bereits dank der Erfahrungen eines ehemaligen Indienreisenden weiß, muss man sich für einen Aufenthalt größer 180 Tage bei der Polizei registrieren. Da ich meine Flüge so gebucht habe, dass ich insgesamt genau 181 Tage in Indien verweilen werde, sollte ich mich wohl durchaus angesprochen fühlen. "Bei der Polizei" heißt für mich bei irgendeiner Polizeistation, die werden ja schon irgendwie vernetzt sein. Ich suche also die nächstgelegenste auf (ca. 10km entfernt).

Der zuständige Herr Polizist macht einen sympathischen Eindruck, wir kommen ins Gespräch und weg von meinem Anliegen. Ich erkläre, dass die Sprache Französisch entgegen seiner Annahme eher in Frankreich als in Deutschland gesprochen wird. Seine Frage, ob wir in Deutschland auch ein Polizeisystem haben verstehe ich nicht ganz; er geht sogar noch einen Schritt weiter und fragt, ob das Polizeisystem bei uns auch so funktioniert wie in Indien. Leider glaube ich den wahren Gehalt seiner Fragen erst zu erkennen, wenn es bereits zu spät sein wird. Doch dazu später mehr. Ich sage also sinngemäß, dass wenn in Deutschland ein Verbrechen begangen wird, es dann die Aufgabe der Polizei ist, das Verbrechen aufzuklären. Zumindest hoffe ich, dass diese recht versimplifizierte Darstellung im Allgemeinen gültig ist.

Auf dem Tisch neben unserem, an dem die Konversation stattfindet, liegt ein dickes Buch. Auf der Außenseite des Buches steht, gezeichnet mit schwarzem Filzstift in pompös anmaßenden Lettern, "Crimes 2009". Darunter ist außerdem ein Schlüssel skizziert, welcher wohl die Vertraulichkeit der Daten in dem Buch andeuten soll. Spätestens hiermit dürfte sich der Gedanke der Vernetzung verabschiedet haben.

Nach weiteren semi-interessanten Gesprächen über meine Heimat verrät mein Konversationspartner, dass ich zu einer ganz bestimmten Polizeistation gehen müsste, um mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Ich bin ihm nicht nur dankbar dafür, dass seit meiner Ankunft bereits eine gute Stunde vergangen ist, sondern auch für den Hinweis, dass die besagte besondere Polizeistation nur noch eine weitere Stunde geöffnet hat, aber immerhin 20km entfernt ist.

Ich hetze also durch die Stadt und zeige keine Scheu vor staatlichen Bussen, die außer einer Nummer nur Hieroglyphen zur Identifizierung des Fahrziels verwenden, und Rikscha-Fahrern, deren Augen leuchten sobald sie mich sehen. Unglaublich, aber gerade rechtzeitig komme ich in dem von Bürokratie übersäten Gebäude an. Drei von vier Schaltern sind besetzt und ich bin der einzige Kunde. Gott sei Dank.

Sideshow-Story: Video Coaches

Ich lese in meinem Reiseführer einen Hinweis, der mich zwar nicht rührt, aber zumindest doch sehr amüsiert. Es geht dabei um das Thema "Reisen mit dem Bus". Meiner Neugier und meiner Unternehmungslust kann ich hoffentlich an einem der zahlreichen Wochenenden nachgeben.

Vorsicht: In den sogenannten Video Coaches werden die ganze Nacht laute Musik und Hindi-Filme gespielt.

Benny Lava

Der erste Tag der Arbeit verläuft recht entspannt, geradezu paradiesisch, idyllisch, vergliche man ihn mit dem gewohnt hektischen Alltag in Deutschland. Auch der zweite knüpft recht gut an diese Gepflogenheiten an. Die Mitarbeiter treffen gegen 11h im Büro ein, versammeln sich dann zunächst in der Kaffeeecke, um dort gemeinsam bei einer Tasse Tee die imposantesten Erlebnisse der jeweiligen Privatleben auszutauschen. Eine halbe Stunde verfliegt wie im Wind. Halb 12 ist nicht unbedingt der Zeitpunkt, sich großen Aufgaben zu widmen, zumal die Gedanken schon um das für 12h angesetzte Mittagessen kreisen.

Beim Mittagessen selbst wird nicht gehetzt, dies widerspräche dem Genuss und dem Einklang mit der Verdauung. Um letzterer noch einen weiteren Schritt entgegenzukommen, findet gleich nach dem Mittagessen ein kollaborativer Spaziergang auf dem Campus statt. Zurück an den Arbeitsplätzen beginnt der individuellste Teil des Tages. Jeder hat dabei die freie Wahl, welche YouTube-Videos er sich ansehen und in welchen fremden Profilen er bei Facebook stöbern möchte. Sind dadurch sämtliche Energiereserven verbraucht, wird im Team eine weitere Tasse Tee konsumiert (Anmerkung des Erzählers: pro Mitarbeiter je eine Tasse), bevor die allgemeine Aufbruchstimmung ausbricht.

Beim Mittagessen an Tag 3 finden Gespräche über die individuellen Tätigkeiten am Nachmittag statt. Da das Arbeitsklima allgemein sehr kommunikativ ist und ein Team generell mehr weiß als das Individuum, finden Konversationen wie "Have you seen this? - No I haven't." statt, welche wohl genügend Inspiration für das Überleben im beruflichen Alltag bieten dürften. Ich steige voll in das Gespräch ein und frage offen in die Runde "Does anyone of you by any chance know Benny Lava?". Ein Teil der Kollegen macht sich allein schon beim Gedanken daran vor Lachen schier in die Hosen, die anderen gehören leider noch in die "No I haven't"-Kategorie. Mitsamt alle sind allerdings verwundert, dass für mich Benny Lava quasi die primäre Informationsquelle im Zuge der Vorbereitungen auf die weite Reise war.

Wir beschließen die "No I haven't"-Gruppe nicht länger auf die Folter zu spannen und versammeln uns nach getanem Verdauungsspaziergang vor meiner Kiste und geben uns zu circa zwanzigst dem urkomischen Tanzvideo hin. Ich kann nicht genau sagen, wer mehr lacht; die die es schon Tausend Mal gesehen haben oder die, die es gerade zum ersten Mal sehen. Etwas verwundert trifft mein Chef auf diese Menschenmenge, die von außen betrachtet recht seltsam erscheinen dürfte. Ich habe Angst, mich gleich autoritären Bemerkungen unterziehen zu müssen, doch diese vergeht, als der Chef nicht mehr als solcher zu erkennen in der lachenden Masse untergeht. Das Witzige an der Sache ist, dass er der einzige ist, der den echten Text versteht und daher wohl definitiv am lautesten lacht.

Dumbhead

Über den immer noch ersten Tag im neuen Leben verteilt lerne ich zahlreiche weitere Menschen kennen, mein gelber Teint scheint in dieser Umgebung doch recht auffällig zu sein. Einigen Kollegen scheint gemein, dass sie dem Deutschen Lande schon ein oder mehrere Besuche abgestattet haben. So finde ich beispielsweise an meinem neuen Arbeitsplatz noch Material vom Vorgänger, eine Postkarte "Munich loves you" sowie ein Bierdeckel vom "Hofbräuhaus am Platzl". Nein, ich war mein Leben lang noch nicht auf dem Oktoberfest, aber danke der Nachfrage. Ich fühle mich diskriminiert, wenn meine Kultur auf Biertrinken und Lederhosen reduziert wird.

Die meisten haben dabei aber keinerlei böse Absichten, genauso wenig, wie wenn sie mir "Dummkob" oder "Sweinehund" zurufen. Wie das eben bei einer fremden Sprache so ist, man lernt zuerst die interessanten Wörter.

First Impressions Of Office

Einen verhältnismäßig langen Teil meines ersten Arbeitstages verbringe ich bei der Security am Firmeneingang. Dort ist viel Betrieb und man hat das Gefühl, dass die vielen Leute, die dort angestellt sind, eher gegeneinander als miteinander arbeiten. Ich werde nach meiner Mitarbeiternummer gefragt, die ich noch nicht habe, nach meinem Namen, um im Adressbuch nachzusehen, in welchem ich noch nicht eingetragen bin, und zuguterletzt nach meiner Mobiltelefonnummer - beginnend mit 9 irgendwas. Wenn ich eine solche hätte, hätten mich meine letzten Anrufe wohl kaum 180€ gekostet. Ich frage mich währenddessen, was der Mann mit dem Gewehr um den Hals und der Mann mit dem fahrbaren Bodenspiegel für eine Rolle in dem Chaos spielen könnten. Ich würde jedenfalls bevorzugen, mich dem Spiegelmann zu stellen als gleich erschossen zu werden.

An der Rezeption angekommen werde ich recht schnell von Hand zu Hand durchgereicht, wobei ich versuche mir die Namen meiner jeweiligen Gegenüber zu merken, erfolglos. Ebenfalls auf Erfolg hofft auch noch die Gabe, zu erkennen, was "Vorname" und was "Nachname" einer Person ist. Sobald es ans Thema Höflichkeit geht, komme ich da möglicherweise nicht drum herum. Jeder hat quasi das Recht, neben dem elterngegebenen Namen (der meist symbolische Bedeutung hat) noch beliebig viele andere Namen anzunehmen. Denkbar und durchaus üblich ist beispielsweise [elterngegebener Name] [Name der Mutter] [Name des Vaters]. Dies ist aber allenfalls Konvention und nicht zwangsläufig die Regel. Da man in diesem Beispiel lediglich drei Vornamen zur Auswahl hat, besteht die Chance, den "richtigen" zu treffen und ihn als Nachnamen zu verkaufen bei umgerechnet ca. 33%. Außer Acht gelassen sind dabei außerdem die Spitznamen sämtlicher Gesamtnamensbestandteile, sowie deren Abkürzungen.

Nachdem ich also insgesamt mit vier fremden, in meinem Kopf noch relativ namenlosen neuen Kollegen gemütlich Tee trinken war, bin ich froh, nicht noch mehr Tee trinken zu müssen, da jede Tasse Tee meine Verdauung mitunder mehr aus dem Gleichgewicht bringt. Meine in Zukunft enganliegenderen Kollegen nehmen sich an meinem ersten Tag quasi ausschließlich Zeit für mich und belassen völlig uneigennützig alles andere auf Eis.

Auch das Mittagessen beeindruckt mich, es gibt ein riesengroßes Büffet, von dem ich jeden Tag neue Vokabeln lernen und essen kann. Dieses ist sogar unterteilt in ein South-Indian-Menü und ein North-Indian-Pendant, um der Vielfalt der Kulturen gerecht zu werden. Nach dem Mittagessen treffe ich gleich noch auf zwei ehrenamtliche Mitarbeiter, die zwar nicht primär zum Umsatz des Unternehmens beitragen, für die die Firma aber dennoch im wahrsten Sinne des Wortes ein zuhause ist. A Bat and a Rat.

Mittwoch, 20. Januar 2010

Next Stop: Bangalore

Den Großteil meines indischen Aufenthaltes habe ich, wie aus meinen Erzählungen bisher nur wenig hervorgeht, vor, mit einer sinnvollen Tätigkeit zu verbringen. Ich möchte im Bereich der Software Entwicklungshilfe leisten. Da Indien den Sprung vom Entwicklungsland zum Schwellenland nicht zuletzt dieser Branche zu verdanken hat, bin ich doch sehr interessiert zu verfolgen, wie dank einer Wissenskraft meinergleichen aus dem ruralen Indien ein urbanes wird. Ich werde hierfür ein Praktikum bei einem kleinen, beschaulich lokalen Verein antreten, von welchem ich mir neben dem besseren Verständnis der Kultur auch verspreche, meine Interessen und meine weiteren Ziele näher kennenzulernen.

Die Zugfahrt von Thiruvananthapuram nach Bangalore dauert ganze 17h und durchbricht dabei auch die Sprachgrenze. Kannada spricht man in Karnataka, zu welchem Bangalore gehört, Malayalam verliert gänzlich an Bedeutung. Einen Platz im Zug zu buchen erwies sich übrigens nicht gerade als einfach, da sämtliche Züge generell immer lange im Voraus ausgebucht sind. Man hat aber wiederum häufig das Glück, dass Leute sich doch spontan umentscheiden und ihren Sitzplatz somit abgeben.

Ich nutze die Zugfahrt für kurze Telefonate, die ich mit meiner immernoch deutschen SIM-Karte führe. Da ich mir leider nur unzureichend bewusst war, dass der Preis pro Minute hierfür 4€ beträgt, bin ich umso überraschter eine Telefonrechnung von 180€ zu bekommen. Richtig schlafen kann ich im Zug nicht, ich träume, es würden sich fiese Würmer in meine Haut bohren und Eier legen. Ganz so abwegig ist der Gedanke im Nachhinein glaube ich gar nicht.

Die Ankunft ist früh morgens und ich kenne keine Sau. Ich schaffe es glücklicherweise, zur temporär eingerichteten Unterkunft manövriert zu werden und hole dort wurmlosen Schlaf nach. Mit Voranschreiten des Tages bemerke ich, dass ich immer noch keine Sau kenne und springe deshalb voll ins Leben. Leider scheint das echte Bangalore weit entfernt und meine Aussicht auf große Firmengebäude beschränkt. Ich erkunde meinen Block und sehe mich aufgrund der allgemein großen Distanzen vor eine echte Herausforderung gestellt.

Ich laufe geschätzte vier Kilometer, in welchen sich weder Landschaft noch Kulisse zu verändern scheinen. Autos, Hitze und Hunde, mehr nicht. Soll ich eine Rikscha nehmen? Wie soll ich sagen, wohin ich will? Wohin will ich überhaupt, ich kenne doch gar nichts.

Cricket?

Bevor ich die bisher längste Zugfahrt meines Lebens antreten werde, sehe ich am zugehörigen Abfahrbahnhof ein kleines Spektakel. Das Spektakel scheint besonders spektakulär zu sein, denn es haben sich immerhin eine Menge Menschen versammelt, um dem Spektakel beizuwohnen. Besagtes besteht - bei genauerer Betrachtung - lediglich aus einem kleinen Fernsehapparat, in welchem ein Cricket-Spiel übertragen wird.


Cricket, so habe ich bereits während meiner kulturellen Vorbildung gelernt, ist eines der tonangebenden Worte, die mit dem modernen Indien assoziiert werden. Leider bin ich den Regeln des Spiels nicht mächtig und kann daher ein Mitfiebern nur vortäuschen. Aktuell ist Cricket in meinem Kopf gleich neben Baseball abgelegt unter "langatmig, viele Menschen, wenig Action".

Ich unterziehe mich einer ausgiebigeren Betrachtung des gezeigten Spiels und versuche mit meinen Vorurteilen hausieren zu gehen oder mich zumindest von der Daseinsberechtigung dieses Hypes überzeugen zu lassen. Da ich leider scheitere, fehlt dieser Geschichte stellvertretend eine Pointe.

Dienstag, 19. Januar 2010

Bye Bye Kerala

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Leider trifft dies auch auf meinen hier bisher doch eher touristisch ausgerichteten Lebensstil zu. Ich bin gespannt, was als nächstes kommt, habe aber gleichzeitig schon ein paar Tränen zum Abschied in die dafür vorgesehenen Drüsen geladen. Die Gastfreundschaft, die mir in Indien bisher entgegengebracht wurde, ist wohl die herzlichste, die ich je erfahren habe.

Man ist interessiert, wie es bei mir in Deutschland so aussieht; "Do you also have that in Germany?" habe ich auch bei dem allzu Exotischsten allzu oft gehört, doch meist musste ich verneinen. Die Kulturen sind von Grund auf verschieden, dies weiß der treue Leser spätestens seit den Kapiteln Meals & Manners sowie Marriage. Ich werfe spaßeshalber noch meinen Wintermantel mitsamt Schal um und versuche damit an die Kälte zu erinnern, vor der ich geflohen bin und die in der Heimat aktuell ihren Höhepunkt erreicht haben dürfte.

Mein Gastgeschenk, Schokolade, Marzipan und Gummibären, lösen auf der anderen Seite wohlverdiente Begeisterung aus, auch wenn die Schokolade dem Klima nicht ganz gewachsen zu sein scheint und ich mittlerweile herausgefunden habe, dass die Hälfte der Familie unter Diabetes leidet.

Auch ich bekomme ein Geschenk zum Abschied, ein Dhoti, welches mich zumindest äußerlich der indischen Kultur noch einmal ein großes Stück näher bringt. Ich bin gerührt.



Thank you so much Mr. A and your family for having me with you, caring so much and teaching me how to eat with my hands. I know I was not the easiest case in that. These may have been the most exciting days in my life so far.

Sonntag, 17. Januar 2010

The Knights Of Coconuts

Seit geraumer Zeit, genauer gesagt, seit dem Gespräch mit einem fremden Mädchen in der S-Bahn (da mir in Indien bisher noch keine S-Bahn über den Weg gefahren ist, gehe ich stillschweigend von der Annahme aus, dass dies noch vor meiner Abreise stattgefunden haben muss) weiß ich, dass Kokosnüsse ein ominöses Doppelleben führen. Mit dem Begriff Kokosnuss dürften die meisten Nicht-Tropler wohl eine mittelgroß braun faserige Frucht assoziieren. Das stimmt natürlich voll und ganz, auch meine Vorstellung war auf diese Ansicht fixiert.

Verfolgt man den Weg einer Kokosnuss aber zurück bis in ihre Unreife, so ergibt sich ein völlig anderes Bild. Kokosnüsse im frühen Stadium sind größer, grüner und saftiger als wie man sie gewohnt zu sein scheint. Solche bekommt man in Kerala an jeder Straßenecke; wenn man noch etwas genauer hinsieht, sogar fast an jedem Baum. Auch ich musste mir erklären lassen, was man mit so einer Kokosnuss überhaupt anfangen kann, sofern man nicht nur ausschließlich darauf abzielt, den Reifeprozess frühzeitig zu beenden.


Zunächst lässt man sich von fachkräftigem Personal mit Spezialwerkzeug die Oberfläche der Kokosnuss an einer Stelle leicht aufschlagen, um dort eine Trinköffnung integrieren zu können. Ich habe mir daraufhin immer einen Strohhalm geben lassen, der mich die Kokosnuss bequem mit der Trinköffnung nach oben halten lässt. Da ich bisher gänzlich darauf verzichte, meine körperlichen Reize in der Öffentlichkeit auszuspielen, verzichtete ich an dieser Stelle auch immer darauf, die eine Coca-Cola-Werbung zu imitieren, bei welcher ein verschwitzter Mann sich aus Erfrischungsgründen braun klebrige Cola die nackte Brust hinab fließen lässt. Diesen Erfrischungsmoment möchte ich aber in meinen eigenen vier Wänden zumindest einmal erlebt haben.

Ist die Kokosmilch aufgetrunken, so soll ein weiterer Schritt zwischen Konsument und Kokosnuss stattfinden. Diese wird wieder dem fachkräftigen Personal übergeben, welches die Kokosnuss nun entzwei schlägt. Ein Routineeingriff, der Konsument sollte dabei keinen Schaden nehmen. Mit einem ebenfalls der Kokosnuss enstammenden Teilstück wird ein löffelähnliches Besteck improvisiert, welches dazu dient, das Fleisch auszuschaben. Vegetarier können diesen Schritt getrost überspringen.


Auch wenn die Begegnung Mensch - Frucht hier zunächst endet, können die anfallenden Abfälle durchaus noch weiter verwendet werden. Überhaupt lässt sich die ganze Palme recht vielseitig verwerten. So werden die Blätter verflochten, während der Stamm hin und wieder dem Hausbau zu Gute kommt. Nicht zu vergessen ist natürlich auch das Pferdegetrampel, das sich mit den leeren Schalen imitieren lässt.

Samstag, 16. Januar 2010

Ayurveda

Die ayurvedische Tradition entstammt dem Norden Indiens, findet dort heute aber nur noch wenig Zulauf. Kerala dagegen ist für diesen Markt geradezu eine Hochburg. Da ich schonmal dort bin, möchte ich mir die Chance natürlich nicht entgehen lassen, mich einer solchen Behandlung zu unterziehen. Anbieter gibt es viele, bei der Auswahl sollte man auf Tradition vs. Kommerz achten. Wir entscheiden uns für ein abgelegenes Resort irgendwo inmitten des Dschungels und buchen ein Tagesprogramm.


Dort angekommen betrachten wir uns zielgruppentechnisch nicht als primär, die anderen Heilsuchenden sind weißer, älter und weiblicher als wir. Ab diesem Zeitpunkt werden wir getrennt und getrennt behandelt. Mein Meister ist jünger als ich und bittet mich gleich förmlich, die Hüllen fallen zu lassen. Bis auf das kleine Bisschen Schlüpfer um meine Hüfte ist mein Körper also voll zugänglich. Doch auch dieser Stofffetzen soll mir verwehrt sein. Ich hätte zumindest auf ein für Kerala übliches Bananenblatt (Anmerkung des Erzählers: auf solchen wird traditionell das Essen serviert) gehofft.

Das Treatment beginnt mit mittelstarken Schlägen - gegen meinen Kopf. Ich fühle mich ab diesem Zeitpunkt bereits leicht desorientiert, versuche aber alles Folgende zu genießen. Meister sagt, ich hätte mit Haarausfall zu rechnen, was ich unter Zuhilfenahme meines Gencodes leider schon vor langer Zeit selbst entschlüsselt habe. Vielleicht hilft das Kopfschlagen ja was dagegen.

Programmpunkt Nummer 2 findet auf dem Boden statt. Ich lege mich bäuchlings und der, dem ich mich anvertraut habe, bearbeitet mit seinen Füßen (die durch sein Körpergewicht belastet werden) meine Wirbelsäule. Da ich bereits professionelle Erfahrung in Puncto Massieren im Rahmen meiner Ausbildung gesammelt habe, weiß ich, dass die Wirbelsäule absolut tabu ist, sofern man nicht ganz genau sein Handwerk versteht. Sehr zu meiner Verwirrung sagt das mithilfe von Öl auf mir gleitende Wesen: "Your body is so hot!" Ich denke kurz nach und erwidere "I guess that's because it's so warm outside..."

Es folgt klassisches Massieren, klassisches Kneten mit den Händen. Dabei wird keine Körperregion ausgelassen. Meister beginnt parallel mit Smalltalk und hat auch neben den normalen Fragen nach Heirat und Gehalt keine Scheu vor Geschäftlichem. So will er doch ganz genau wissen, mit welcher Idee ich vorhabe, die Welt zu revolutionieren. Ich werfe ihm ein paar tieftechnische Vokabeln vor die Füße, die er anstandslos frisst. Seine Pläne seien irgendwann den großen Sprung nach Deutschland zu schaffen, um dort mit seiner Profession ein Vielfaches zu verdienen. Ich habe leider keine Ahnung, inwiefern dieses Vorhaben realistisch erscheint.

Abschließend steht eine wieder eher ungewöhnliche, für Ayurveda aber urtypische Behandlung an: Während der Behandelte auf dem Rücken liegt, wird ihm für lange Zeit Öl in verschiedenen Bahnen auf das Gesicht getröpfelt. Wenn mich nicht alles täuscht, gibt es paradoxerweise eine Foltermethode, die nach einem ähnlichen Prinzip arbeitet. Gefoltert fühle ich mich aber keineswegs, ich bin sogar so entspannt, dass ich dabei einnicke. Schade, dass ich geweckt werde als das Öl alle ist und damit auch meine erste Therapie zu Ende geht.

Ich fühle mich daraufhin leer, möglicherweise so als ob mir sämtliche Belastungen entsagt wurden. Auch an meinem Freund geht das Treatment nicht spurlos vorbei, er schimmert in natürlichem grün.